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Sansibar - Die roten Colobus-Affen und die Magroven der Chwaka Bay

Wer verbindet mit dem Namen Sansibar nicht etwas exotisches? Jahrhundertelang war der Name so etwas wie ein Synonym für Reisen in ferne Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte der Sultan von Sansibar von sich reden und der Inselname wurde auch noch gleichgesetzt mit unermesslichen Reichtum. Dass dies alles ins Reich der Legenden gehört, weiß man spätestens, seitdem Reisen nach Tansania - Sansibar ist ein autonomer Teil des Unionsstaates - kein Problem mehr darstellen.

Mit alldem, was ich über die Insel gelesen und gehört hatte, reiste ich nach Stone Town, um die berühmte Altstadt zu sehen, die Weltkulturerbe ist und eine Gewürzplantagen auf der Insel zu besuchen. Doch meine Inselrundfahrt sollte ganz anders verlaufen, frei nach dem Motto "es kommt immer anders, als man es plant...".

Ein Taxi in Stone Town zu finden, ist kein Kunststück. Offizielle, halb offizielle und private "Touist Guides" überschlagen sich förmlich, um einem Besucher nicht nur eine einfache Taxifahrt zu verkaufen sondern gleich eine ganze Inselrundfahrt, natürlich mit "sachkundiger" Führung - natürlich mit dem "besten"Führer der ganzen Insel.

Wer sich hier an die viel erprobte Regel hält, nicht gleich den Ersten, von dem man angesprochen wird, zu verpflichten sondern auch in der zweiten. und dritten. Reihe zu suchen, der wird schnell fündig werden, nicht übers Ohr gehauen werden und zugleich sicher fahren. Wer vor hat mehrere Tage auf Sansibar zu bleiben, sollte einen guten Fahrer zu schätzen wissen und ihn gleich für die weiteren Tage "unter Vertrag nehmen ".

Mein Fahrer war Willy, ein junger Mann aus der Vorstadt von Stone Town, der vor kurzem geheiratet und nun dafür zu sorgen hatte, dass es der jungen Familie an nichts fehlte.

Als Willy hörte, dass ich eine der Gewürzplantagen im Norden besuchen wollte, kam gar nicht etwa ungeteilte Zustimmung sondern Willy machte mir durch unzweideutige Handbewegungen unmissverständlich klar, dass das, was ich vorhatte sich zwar lohnte, aber dass man auf Sansibar doch unbedingt den Jozani Forest sehen müsse, indem die letzten der seltenen Colobus-Affen leben und dass man diese nur auf Sansibar erleben könne.
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In der Tat: der Sansibar-Stummelaffe, so erfuhr ich hinterher, ist mit den Meerkatzen verwandt und eine Primatenart, deren Gesamtpopulation auf maximal 2000 Tiere geschätzt wird und die auf Sansibar endemisch ist.

Ich ließ mich auf den Vorschlag ein, auch wenn ich vermutete, dass man von den sicherlich sehr scheuen Tieren, kaum etwas zu Gesicht bekommen würde. So machten wir uns auf die 35 km lange Fahrt von Stone Town zum Jozani Forest. Schon die Fahrt dorthin lohnt sich vorbei an ausgedehnten Feldern, tropischen Palmenhainen, weiten Alleen und sehr ländlich wirkenden Dörfern.
Unterwegs erzählte mir Willy, dass der Nationalpark bereits 1948 gegründet wurde und dass man sich, um alles besser zu verstehen, einen der lokalen Parkführer nehmen solle, die das Gelände bestens kennen und sicherstellen können, dass man Pflanzen und Tiere nicht übersieht.

Nachdem man das Naturschutzgebiet erreicht hat, beginnt zunächst die Prozedur, ein Eintrittsticket zu erwerben. Dies wird sich banal an, ist aber an einem auch, den nur wenige Individualtouristen täglich besuchen, ein besonderes Ereignis für alle Beteiligten. Der Hüter der begehrten Tickets, will alles ganz genau wissen, woher man kommt, wie man nach Sansibar gekommen ist, ob einem die Insel gefällt, ob man verheiratet ist, wie viele Kinder man hat und was man zum Frühstück gegessen hat? Dabei werde gleich mehrere Seiten Papierkrieg erledigt, natürlich alles ohne Computer sondern mit der Hand und mit einem Bleistift. Drumherum stehen mehrere äußerst interessiert wirkende Personen, von denen einer sicher der potentielle Führer durch das Schutzgebiet ist.

Mit dem begehrten Eintrittsticket in der Hand beginnt nun der Rundgang durch das ausgedehnte Waldgebiet. Schon nach wenigen Minuten war mir klar, Willy hatte nicht zu viel versprochen. Ein fast noch unberührtes Stückchen Regenwald bis hinauf in die Baumkronen.
Das feucht heiße Klima lässt hier große tropischen Bäume gedeihen, darunter das Mahagoni, verschiedene Palmenarten, Insekten und eine Vielzahl von Pilzen, blühenden Büschen und Blumen, die ich in meinem Leben zuvor noch nie gesehen hatte.

Fast 45 min geht man kreuz und quer durch dieses Dickicht ohne auch nur einen der Colobus Affen gesehen zu haben und der Führer beginnt zu erklären, dass eine Sichtung nicht garantiert werden könne, da die Tiere aus ihrem Hochsitz im Blätterdach des Urwaldes, sehr genau sehen können was sich unter ihnen abspielt. Enttäuschung macht sich jedoch nicht breit, wenn der Regenwald ist auf jeden Fall die Reise wert.

Plötzlich bleibt unser Führer stehen und mahnt zur Stille. Fast 10 min stehen wir nun an Ort und Stelle ohne auch nur ein Geräusch von uns zu geben. Und plötzlich sind sie da - die Colobus Affen von Sansibar - zunächst einer, dann wieder einer und dann gleich mehrere, kaum 1 m über unseren Köpfen. Jetzt heißt es in aller Ruhe die Kameras herauszuholen und zu fotografieren.

Nachdem sich die Affen an uns gewöhnt und wir uns auf einen Stein gesetzt haben, legen sie ihre Angst ab und die Neugier gewinnt die Oberhand. Immer mehr der scheuen Tiere kommen näher und näher, jetzt sogar ein Weibchen mit ihrem jungen, dass fest an den Bauch der Mutter gekrallt ist. Ich schätze das weibliche Tier auf rund 60 cm Körpergröße und liege damit, wie wie später nachlesen konnte, gar nicht falsch, denn die Tiere werden bis zu 65 cm groß und zwischen 5,2 und 11,3 kg schwer. Die Weibchen sind aber stets kleiner als die Menschen.

Da der Sansibar Stummel Affe ein Tag aktiver Baumbewohner ist Leben die Tiere in Gruppen bis zu 50 zusammen, in denen sich meist nur 2-3 Menschen befinden. Der Rest sind Weibchen und Jungtieren. Colobus Affen ernähren sich von Früchten, Blättern, Blumen und Samen. Zur Verdauung giftiger Substanzen fressen sie Kohle, die die giftigen Substanzen im Magen neutralisieren.

Doch nun heißt es einfach nur genießen, das Vertrauen dass die Tiere einem Besucher, der sich entsprechend verhält entgegenbringen. Jetzt säugt das Weibchen ihr Junges direkt vor meinen Augen, kaum 30 cm entfernt und weitere weibliche Tiere befinden sich in unmittelbarer Umgebung fressen die frischen grünen Blätter ohne uns scheinbar zu beachten.

Wenn man sich langsam weiter durch den Urwald bewegt begleiten einen die Affen manchmal doch ein Blick nach oben lohnt, denn viele der Tiere sitzen unmittelbar in den Büschen links und rechts des Weges. In dieser Umgebung vergeht die Zeit wie im Fluge und unser Führer mahnt zum weitergehen.

Der Jozani Forest hat neben den Colobus Affen noch eine weitere Besonderheit zu bieten. Es sind die Mangrovenwälder der Chwaka Bay. Um die Mangroven zu erreichen, muss man mit dem Taxi ein Stück durch die flache Insellandschaft fahren, bevor man auf speziell konstruierten Holzstegen durch ein Dickicht von gewaltigen Mangrovensümpfen wandern kann.

Hier sehe ich die größten Mangroven, die ich bisher bewundern konnte, denn hier wachsen gleich mehrere unterschiedliche Arten, die im feuchtheißen Tropenklima Sansibar aus Dimensionen erreichen, die man normalerweise von Mangroven nicht gewöhnt ist. Der Führer erweist sich einmal mehr als äußerst fachkundig und erklärt die verschiedenen Samenschoten, Stamm- und Blätterformen, die Zusammensetzung des Wassers, die Tierarten und überhaupt das Leben und Vergehen in einem Mangrovengebiet.

Dass es sich hier um ein äußerst empfindliches Ökosystem handelt, erkennt man sofort und macht deutlich wie wichtig es für Sansibar ist, dieses letzte Stück seiner unberührten tropischen Natur zu erhalten und damit den Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen und den Colobus Affen von Sansibar. Am Ende des Rundgangs bedanke ich mich bei meinem Führer, nicht ohne das erwartete Trinkgeld zu geben, verbunden mit dem Hinweis, dass sicherlich noch viele interessierte Besucher nach Sansibar kommen werden, wenn man in Zukunft hier weiterhin eine unberührte Tier- und Pflanzenwelt bewundern kann. Ich bin mir nach meinem Besuch sicher - der Jozani Forest gehört neben der historischen Altstadt von Stone Town, den Gewürzplantagen und den zahlreichen Zeugnissen der Geschichte, die auf der ganzen Insel verstreut liegen, zu den Schätzen Sansibars.
